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Licht im Dunkel – heute von der anderen Seite
Hänsel und Gretels Welt
Unter der roten gestrichelten Linie finden wir die Welt, wie Hänsel und Gretel, Sie und ich sie in der Schule gelernt haben:
Menschen schaffen Unternehmen, weil sie mit dem was in ihrem Schrebergarten wächst nicht mehr zufrieden sind.
Sie gehen da Arbeiten und kriegen Geld dafür.
Das können sie wieder ausgeben und sich was (meist bei einer anderen Firma als da wo sie arbeiten) dafür kaufen.
Wenn sie satt sind und schon alles haben, legen sie etwas auf die hohe Kante. Vielleicht kaufen sie Aktien, und kriegen dafür ein Stück vom Kuchen ab, wenn das Unternehmen am Ende des Jahres Gewinn macht (Dividende).
Giralgeldschöpfung
Dummerweise ist das mit dem Sparen aber viel zu spät – die Firmen müssen schon anfangen zu arbeiten, bevor die Leute genug haben. Deswegen gibt es die Banken.
Da geht der Firmenchef hin und sagt:
„Ich habe eine super Idee für einen tollen Laden.
Da bleibt hinterher garantiert für alle genug übrig:
für die Bank, für die Aktionäre
und ganz bestimmt dann auch noch für mich”.
Wenn die Bank ihm das glaubt,
wird aus der Glaubwürdigkeit (credibility) die Kreditwürdigkeit (credit-ability).
Die Bank wirft die Druckerpresse an – halt, nein, falsch, Papier ist doch teuer, und unser Geld war ja schon virtuell als es das Internet noch nicht einmal im Traum gab –
die Bank schiebt ein paar Bits in ihrem Computer von A nach B – und schwupps –
– haben wir Geld gemacht.
Unser Boss hat jetzt – sagen wir mal – hunderttausend Guthaben auf seinem Girokonto, und gleichtzeitig hunderttausend Schulden auf seinem Kreditkonto.
Aus der credibility wurd credit.
Geld ist also nichts anderes als ein Versprechen.
Zum Beispiel eben das Versprechen von unserem Boss, daß das mit seiner Firma auf jeden Fall klappen wird.
Da setzt er sein letztes Unterhemd und das Häuschen seiner Oma drauf.
Dafür, daß die Bank unserm Boss sein Versprechen abnimmt, kassiert sie eine lächerliche Gebühr von z. B. 5 bis 10 % pro Jahr. Klar, Computer, Bankdirektoren und Glastürme sind teuer.
Aber die Bank hat auch ein kleines Risiko:
Der Bank gehört ja nur der Kreditteil von dem neu gezauberten Geld.
Die Guthabenseite von den Bits aus dem Geldzauberdeal gehört unserem Chef.
Der gibt das weiter an die Arbeiter, an die Lieferanten, ans Finanzamt und wer sonst noch alles seinen Schnabel in die Firmen steckt. Und manche haben ihr Konto auf einer anderen Bank. Denen ist es auch wurscht, ob das Geld aus dem Versprechen von Metzger Müller oder Bäcker Meier oder Bauer Huber kommt.
Sie nehmen das Geld als Versprechen auf eine Leistung.
Und wenn sie einkaufen, wollen sie dieses Versprechen einlösen.
Gegen irgend etwas, wonach ihnen gerade ist.
Die Leute glauben, daß sie immer und jederzeit auf der Einlösung der Versprechen bestehen können. Das ist natürlich Blödsinn, denn so wie unser Chef versprochen hat, im Lauf der Jahre das Geld zurück zu zahlen, nicht auf einmal, haben das auch die anderen Geldzaubergehilfen so ähnlich versprochen. Der Bäcker könnte gar nicht alle Semmeln für die zehn Jahre auf einmal backen, über die sein Kredit läuft.
Aber irgendwie sollen oder wollen die Leute das nicht wissen.
Und wenn die Leute anfangen, an der Macht der Versprechen im Geld zu zweifen, ist das Geld kaputt.
Sie alle halten sich als erstes an die Bank.
Deswegen braucht die Bank eine Reserve:
wenn mehr Leute die Einlösung von Versprechen fordern als in der gleichen Zeit neue Versprechen abgegeben werden. Zum Beispiel weil Weihnachten ist, oder Wirtschaftskrise. Und deswegen muß auch der Bankdirektor das Häuschen von seiner Oma auf den Tisch legen, und die Biene Sumsi bettelt Sie um Ihren Spargroschen.
Erst wenn ein anderer Schuldner ein Stück von seinem Kredit damit zurückzahlt, kommt das imaginäre Bitgeld zur Ruhe – und ist auch schon wieder aus der Welt verschwunden.
Auf der Schuldenseite sind aber die bösen Bits erst mal noch so wie sie waren.
Wenn es mit dem Versprechen von unserem Chef schlecht läuft, das Häuschen von der Oma schon eingefallen, das letzte Unterhemd versoffen ist, kann es passieren, daß die Bits auf der linken Seite in der Bankbilanz nicht mehr mit denen auf der rechten Seite zusammenpassen. Und dann gehts ans Häuschen von der Oma vom Bankdirektor…
Ach, das haben Sie in der Schule und von der Biene Sumsi aber ganz anders verstanden?
Na, dann fragen Sie doch mal Ihren Bankdirektor, wenn Sie ihn das nächste Mal treffen.
Vertreibung aus dem Paradies – Rezession
Unser nächstes Kapitel steht wieder im Schulbuch:
Die Leute waren fleißig und hungrig, und hungrig und fleißig.
Der Reichtum wuchs allenthalben, und blühende Landschaften waren allüberall.
Doch eines Tages kam großes Unheil über das Land:
Die Menschen waren satt.
Nicht für eine Stunde, nicht für einen Tag.
Nein, sie waren einfach richtig schön zufrieden und satt.
Sie wollten einfach nicht jeden Tag noch mehr essen und noch mehr einkaufen. Sie wollten schon noch weiter arbeiten, denn sie waren ja alle fleißig, und keiner wollte sich von seinem Nachbarn blöd anschauen lassen.
Aber statt ihr Geld zum nächsten Krämer zu tragen, brachten sie es auf die Bank. Die zahlte ihnen zwar nicht viel dafür, denn eigentlich brauchte die Bank nur ein klein bißchen Sparbücher, um Geld drucken zu dürfen. Aber trotzdem waren die Menschen stolz auf ihr Sparbuch.
Aber das Geld auf dem Sparbuch fehlte beim Krämer, und der konnte es nicht mehr an unseren Chef zahlen.
Es war immer weniger Geld da.
Die Firmen machten alle Verlust, und begannen, Leute auszustellen.
Es hätte zwar jeder gerne ein bißchen weniger gearbeitet, aber gar nicht - nein, das ging nicht.
Ganz ohne Geld würde man ja verhungern. Oder zumindest sich schämen müssen.
Und da mehr Arbeiter waren als Arbeit, brauchten die Firmen nicht mehr viel für die Arbeiter zahlen. So hatten die noch weniger Geld, konnten noch weniger kaufen, und den Firmen ging es noch schlechter. Außerdem waren sie bereit, für weniger Geld sogar noch länger zu arbeiten, nur um überhaupt überleben zu können. Deswegen wurden noch weniger Arbeiter gebraucht – ein Teufelskreis.
Da kam ein schlauer Mann namens Marx, der das Spiel durchschaut hatte.
Er sagte zu den Arbeitern:
Ihr müßt die Chefs rausschmeißen und die Firmen selber übernehmen.
Das taten die Leute nicht, denn keiner wollte sich diesen Streß mit einer Firma am Bein wirklich antun.
Aber die Drohung war genug, damit die Firmen den Leuten wieder mehr zahlten und sie weniger arbeiten mußten. Es war wieder Geld im Umlauf, den Firmen ging es wieder gut. Es wurden wieder Leute eingestellt, die Leute versprachen, nie wieder satt zu sein, und alles ward wieder gut.
Damals sangen die Menschen dem Mammon dieses Lied:
Ja, Ja, Ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt,
wir steigern das Bruttosozialprodukt
Tü-Tütel-Tüdeldidü, tü-düdel-dü
Denn nur wenn das Bruttosozialprodukt jedes Jahr schön gleichmäßig ein kleines bißchen ansteigt, halten sich die neu abgegebene Versprechen mit den zurückgezahlten Krediten die Waage, und auch die erbrachten Leistungen mit den eingeforderten, und trotzdem können die Firmen ihre Kredite mit Zinsen zurück zahlen. Keiner muß Angst haben, daß an dem Spiel mit dem Geld vielleicht etwas faul sein könnte.
Doch von Zeit zu Zeit, da mußten sich die Menschen wieder streiten,
die Arbeiter mit den Chefs, und so zogen sie eine hellblau gestrichelte Linie durch das Land.
Die linke Seite, wo die Menschen waren, nannten sie links.
Die rechte Seite, wo die Firmen waren, nannten sie rechts.
Und immer wenn sie satt waren, begannen sie zu streiten,
links gegen rechts, und rechts gegen links,
und sangen wieder ihr Lied, und alles ward wieder gut.
Lufthändler
Und es zogen Propheten übers Land, die sangen:
Und ist der Handel noch so klein,
so bringt er mehr als Arbeit ein.
So zogen also Händler über das Land, so daß alle Waren allüberall feil warden.
Doch bald ward auch aller Handel getan, der getan werden konnte.
Die Menschen begannen schon wieder, Angst vor der Sattheit zu haben.
Und so kamen neue Propheten, die sagten:
Was schenkt man einem Menschen, der schon alles hat?
Gutscheine? –
Doch was ist der beste Gutschein?
Und alle riefen: Geld!
Geld ist der wahre Gutschein – der beste von allen!
Und die Propheten sagten:
Schenkt ihnen nicht nur Geld, sondern die Gier,
immer noch mehr Geld haben zu wollen.
Denn alleine die Gier ist unersättlich.
Und wenn die Menschen gierig bleiben und nicht mehr satt werden,
wird Euer Bruttosozialprodukt auf ewig wachsen und es wird Euch ewig gut gehen.
Da fragten die Menschen:
Aber wo sollen wir das viele Geld denn her bekommen?
Geld entsteht doch nur, wenn jemand ein Versprechen abgibt.
Was sollen wir denn überhaupt noch alles versprechen können wollen?
Da sprachen die neuen Propheten:
Versprecht euch Geld, und das Versprechen auf Geld.
Und versprecht euch das Versprechen auf Versprechen auf Geld.
Und auch das Versprechen auf Versprechen auf Versprechen auf Geld,
und immer so fort.
Die Leute fragten: Wie sollen wir das bewerkstelligen?
Und die neuen Propheten lehrten ihnen dieses:
Leverage
Ist ein Chef alt und müde geworden,
und auch seine Kinder wollen sich das Ungemach einer Firma nicht an tun,
so kauft ihm seinen Laden auf.
Aber gebt ihm nur die Hälfte seines gerechten Preises, oder noch weniger.
Den Rest kann er sich von der Bank holen.
Und die neuen Priester rechnten den Leuten vor:
Seht – so ist es, wenn Ihr dem Chef nur die Hälfte des Kaufpreises übergebt.
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